Die Studie des Bundesverbands für selbständige Wissensarbeiter e.V. zu den rechtlichen Rahmenbedingungen beim Einsatz (solo)-selbständiger Wissensarbeiter zeigt unter anderem, dass 31% der Freelancer im Sommer 2020 auf Grund der Corona Pandemie kein Folgeprojekt in Aussicht hatten.

NiklasWir haben mit Niklas Werner bezüglich dieser und weiterer Ergebnisse der Studie gesprochen und ihn um seine Einschätzung gebeten.

Niklas Werner ist seit 10 Jahren Leiter der Rechtsabteilung und Einzelprokurist bei SThree. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich Arbeits- und Sozialrecht sowie der Compliance im Bereich der (Schein-)Selbständigkeit.

Herr Werner, wie beurteilen Sie die Auswirkungen von COVID-19 in Bezug auf die Auftragslage der deutschen Freelancer insgesamt?

Die Pandemie hat Auswirkungen auf fast alle Wirtschaftsbereiche. Gleichzeitig konnten wir aber auch während der Pandemie einen erhöhten Bedarf im IT- und Pharmabereich feststellen. Unternehmen mussten sich auf die neue Situation einstellen und eine vielleicht zuvor verschlafene Digitalisierung des Arbeitsplatzes schnell aufholen. Hier war und ist die Expertise von IT-Selbständigen gefragt. Gegen Ende des vergangenen Jahres haben sich auch die restlichen Wirtschaftszweige ein wenig erholt. Mit der Immunisierung der Gesellschaft wird jedoch auch ein starker Bedarf für Selbständige kommen. Unternehmen müssen „nachholen“ und hierfür wird die spezielle Expertise der selbständigen Wissensarbeiter benötigt.

Konkrete Auswirkungen der Pandemie auf die Akquisewege

Bezüglich der Projektakquise haben die Befragten angegeben, dass sie vor allem stärker über Online Portale Aufträge gefunden haben, jedoch die Folgebeauftragung insgesamt gesunken ist. Wie schätzen Sie diese Entwicklung langfristig ein?

Online-Portale wie auch der Weg über Personalberatungen werden auch in der Zukunft noch stärker zunehmen. In der Vergangenheit konnten Selbständige sich oft auf ihr eigenes Netzwerk verlassen. Mit einem Sinken der Auftragslage reicht dieses Netzwerk oft nicht aus. Hier helfen die Portale und Personalberatungen mit ihrem weitreichenden Netzwerk und dem engen Kundenkontakt bei der Suche.

Finanzielle Hilfe durch Bund und Länder

Inwieweit beurteilen Sie die Tatsache, dass die Mehrheit der Freiberufler (80%) keinen Antrag auf Soforthilfe gestellt haben?

Das Ergebnis zeigt, dass die Selbständigen eigene Vorsorgemaßnahmen treffen und häufig gerade nicht auf den Staat angewiesen sind. Ein wie ich finde sehr gutes Beispiel dafür, dass in die Debatte um das Thema Scheinselbständigkeit einfließen muss, dass die selbständigen Wissensarbeiter durch eigene, flexible und unternehmerisch getriebene Vorsorgemaßnahmen einer vom Gesetzgeber vorgeworfenen drohenden Altersarmut entgegenwirken.

Als Gründe gaben die Freiberufler unter anderem an, dass sie entweder keinen Bedarf an dem Hilfspaket hatten (56%) oder dass sie nicht antragsberechtigt waren/sind (21%). Ab wann sind Freiberufler hier antragsberechtigt?

Für Selbständige gelten die Anforderungen an die Überbrückungshilfe II (September bis Dezember 2020) bzw. Überbrückungshilfe III (bis Ende Juni 2021). Grundsätzlich gilt, dass ein Anspruch für Selbständige besteht, die ihren Geschäftsbetrieb im Zuge der Corona-Pandemie einstellen oder stark einschränken mussten. Genaue Details sowie die Möglichkeit der (Online-) Beantragung sind auf der Webseite der Bundesregierung zu finden.

Welche langfristigen Auswirkungen der Corona Krise auf die wirtschaftliche Situation von Freelancern sehen Sie aktuell?

Ich gehe davon aus, dass mit der Öffnung des derzeitigen Lockdowns auch die Nachfrage an selbständigen Wissensarbeitern wieder zunimmt. Von unseren Kunden erfahren wir, dass einige Projekte, die nicht essentiell waren, eingestellt bzw. verschoben wurden. Das bedeutet zwangsläufig, dass mit dem folgenden Wirtschaftsaufschwung viele Projekte wieder gestartet werden. Um diesen Aufschwung und die damit verbundene Nachfrage nicht zu verpassen, empfehlen wir einen engen Kontakt zu Kunden, Portalen und Personalberatungen.

 Vielen Dank für das Interview! 

Den Link zu der kompletten Studie finden Sie hier.